Begrüßung Stefan Görnert
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde ich freue mich, Sie hier in der Kattwinkelschen Fabrik zur Vernissage der Gemeinschaftsausstellung „kontrolliert unerwartet“ begrüßen zu dürfen. Damit eröffnen wir in der Bogenbinderhalle, einer früheren Produktionsstätte der einstmals in Wermelskirchen so wichtigen Schuhindustrie, bereits die dritte Ausstellung dieser Art. Kunst und Kultur spiegeln den Stand einer Gesellschaft, oft gehen sie ihr voran, ja treiben die Entwicklung einer Gesellschaft an. Wir genießen nicht nur Kunst und Kultur, sie beeinflusst uns auch, und zwar meist positiv im Sinne des Humboldtschen Bildungsideals für den freien und selbständigen Menschen. Ohne Kunst und Kultur wäre eine Gesellschaft nicht kreativ, eine Wirtschaft nicht innovativ, ohne Kunst und Kultur wäre Bildung technokratisch. Erst Kunst und Kultur geben die Vielfalt der Sichtweisen in einer Gesellschaft wider. Wir leben in einem rationalen Zeitalter. Einer Ära der Ökonomie, einer Epoche der habituellen Entmythologisierung, in der alles kontrolliert und kontrollierbar zu sein scheint, in der Algorithmen alles berechnen können und vorhersehbar machen. Aber wir sind zur Eröffnung dieser Ausstellung heute hier, weil wir das nicht hinnehmen wollen. Weil wir alle daran glauben, dass auch im Jahr 2018 noch Magie existiert, dass die Überraschung, das Unerwartete nicht ausgestorben ist. Davon wollen uns die Künstler Jaana Caspary, Peter Caspary, Frank Hinrichs und Andreas My mit ihren hier ausgestellten Werken überzeugen! Ihre Werke sind mal raumgreifend, mal filigran und schwebend, mal Vollplastik, mal Relief. Das Material beansprucht in jedem Falle Raum. Und diese Vielschichtigkeit ihrer Kunstwerke reflektiert die Dynamik unserer Gesellschaft, die immer wird und niemals ist. Gerade das Plötzliche, das Unvorhersehbare, die Diversität und Heterogenität einer Gesellschaft macht ihre Spannung, ihren Reiz aus. Nicht die verordnete und daher kontrollierte Eintönigkeit, die von manchen gerade heutzutage wieder herbeigesehnt wird, sondern das Neue und Andersartige und die Auseinandersetzung damit geben dem gesellschaftlichen Zusammenleben eine fortwährende Bereicherung. Denn die Kunst hat nicht nur eine ästhetische, sondern eine damit verwobene politische Dimension, die mit Blick auf Kulturelle Bildung relevant wird. Der Kunst diesen Raum auch im wortgetreuen Sinne zu geben, dafür öffnet die Kattwinkelsche Fabrik in den kommenden zwei Wochen ihre Türen. Besonders danken möchte ich Herrn Achim Stollberg, der auch diese Ausstellung kuratiert, und Frau Simone Rikeit, die uns im Anschluss in das Werk der Künstler einführen wird. In diesem Sinne wünsche ich uns beim Betrachten der Kunstwerke viele unerwartete Anregungen, und der Ausstellung die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Herzlichen Dank. |
Einführung Simone Rikeit Kunsthistorikerin MA Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung „kontrolliert unerwartet“ in der Kattwinkelschen Fabrik, 14.10.2018 Mit der Ausstellung „kontrolliert unerwartet“, die wir heute gemeinsam eröffnen, beherbergt die Kattwinkelsche Fabrik zum dritten Mal bildende Kunst. Schon im letzten Jahr bot der Ausstellungstitel „Freundliche Konfrontation“ einen Moment der Irritation, der Ambivalenz, des vermeintlichen Widerspruches an. Und auch der diesjährige Titel „kontrolliert unerwartet“ erscheint zunächst wie zwei nicht zusammenfügbare Gegenpole. Das „Kontrollierte“ ist das, was wir im Griff haben. Das „Unerwartete“ hingegen ist das Überraschende, das Ungeplante. Ausgestellt sind Werke von vier Künstlerinnen und Künstlern, die in unterschiedlichen Gattungen und mit verschiedensten Materialien arbeiten. Der in Mülheim an der Ruhr geborene Künstler Frank Hinrichs studierte ab 1976 an der Kunstakademie Düsseldorf bei dem vor allem als Bildhauer bekannten Alfonso Hüppi. Das dort entstandene Denken im Räumlichen, im Körperlichen, im Dreidimensionalen, wird bei seinen hier ausgestellten „Skripturen“ deutlich. Die mitunter großformatigen Bildräume entstammen der gleichnamigen Werkgruppe. Zu sehen sind farblich gedämpfte, scheinbar aus vergangen Jahrhunderten entsprungene gestisch-zeichenhafte Einschreibungen, die Hinrichs teils mit profilierten Gummistücken, teils mit den Fingern aufträgt. Die mal dickichtähnlichen, mal licht umgebenden gestischen Gebilde lassen an Gräser oder an Gebirgsformationen denken, sofern man sie denn einem Gegenstand zuordnen will. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass Hinrichs bei seinen „Skripturen“ in Schichten arbeitet. Der Künstler füllt dabei die Leinwand mit einer frottageartigen Technik, dem Abdrücken oder Abreiben der Profilstruktur des Gummis. Nach weiteren Arbeitsschritten mit Kunstharz, Steinmehl, Acryl- und Ölfarbe, beginnt er die Fülle des Bildraumes wieder zu reduzieren. Diese Arbeitsweise zeigt durchaus Bezüge zu der eines Bildhauers. Beim Entstehen einer Plastik werden Dinge oder Teile hinzufügt. Beim Entstehen einer Skulptur werden Teile oder Stücke, beispielsweise eines Steins, weggenommen. Was hier zunächst konzeptuell oder geplant klingen mag, basiert letztlich nicht auf der Addition bestimmter Malzutaten oder Schichten, die zu einem vorgeplanten Ergebnis führen. Ziel ist es das Unvorhersehbare, Unkontrollierte während des Schaffensprozesse zu öffnen und zuzulassen. Bedingung dafür ist es, das Geplante, das reflektierte Wissen im Vorhinein auszuschalten und beiseite zu legen. Nicht zuletzt spielen für den interdisziplinär denkenden und fühlenden Künstler Hinrichs neben bildnerischen und philosophischen auch musikalische Aspekte eine Rolle, so dass man anstelle des Begriffes „Skripturen“ auch den der „Partituren“ anwenden kann. Mir scheint es kein Zufall zu sein, dass mir ganz persönlich bei der Vorbetrachtung der Bildräume Assoziationen des „Einschreibens in etwas“ und des „Nachklingens von etwas“ in den Sinn kamen. Damit meine ich nicht nur den Gedanken an die Musik sondern an Aspekte menschlichen Daseins, des Werdens und Vergehens, des Frühlings und des Herbstes. Die Arbeitsweise der Addition ist bei Andreas My Grundlage seines Schaffens. In Waiblingen geboren, studierte der Künstler von 1984 bis 1992 an der Fachhochschule Köln freie Grafik und Malerei bei Stefan Wewerka und Jörg Immendorf. Mit seinen Fadenobjekten bewegt er sich zwischen Raumzeichnung und Raumkörper. Zeichnung deshalb, weil sie den Umgebungsraum durch ihre linienhafte und luftdurchlässige Erscheinung braucht. Körper deswegen, weil sie gleichzeitig wie eigenwillige Wesen oder Gebilde erscheinen. Seit 1999 arbeitet Andreas My mit Garnen aus Naturfasern und aus chemisch hergestellten Fasern, die er durch Leim zieht und zu Gebilden wie „CMYK Cyan“, „Magenta“ und „Yellow“ formt. Weitere Stabilität erhalten seine Arbeiten durch Kupferdrähte. Die drei Körper sind an ihren jeweiligen äußeren Enden offen und somit fortführbar oder imaginär erweiterbar. Diese Offenheit mag zu Assoziationen mit dem Wachsen, dem Prozesshaften aber auch dem Fragilen führen. Der Fragilität bzw. Instabilen arbeitet Andreas My insbesondere für diese Ausstellung mit dem Verspannen der drei Objekte mit dem Ausstellungsraum entgegen. Doch was hat es mit den uns aus der Drucktechnik bekannten Titeln „CMYK“ und den Zusätzen „Magenta“, „Cyan“ und „Yellow“ auf sich? Dieses Standardfarbmodell ist vermutlich jedem von uns bekannt, vor allem wenn die Farbpatronen in unserem Drucker leer sind. My verwendet diese Farben für die hier ausgestellten Fadenobjekte mit dem Blick auf die uns umgebende digitalisierte, technologisierte und virtuelle Welt. Was ist real? Wie können wir uns in dieser Umgebung voller Virtualität und Digitalisierung verorten? Verankern? Und, in der Verwendung von natürlichem, chemischem, bzw. industriell gefertigten Material und der auf Technik basierenden Farbe einerseits und der archaisch-amorphen Formengebung andererseits taucht in mir auch der Wunsch nach Versöhnung zwischen Natur und Technik als eine Lesart seiner Gebilde auf. Des weiteren zeigt Andreas My, der beruflich auch im Bereich der Animationsfilme tätig war, klarer abgeschlossene Objekte, wie „Schwarzer Körper II“. Auch sie wirken archaisch aber organischer und erscheinen wie aus einer anderen Welt entsprungen. Der Künstler verwendet in den Faden- wie auch in seinen Pappobjekten Alltagsmaterialien- bzw. nur für einen kurzen Zeitraum produziertes Verpackungsmaterial. Er überführt es in einen Kunstkontext und treibt es in einer fragilen und filigranen Qualität zu maximaler Stabilität. Mit Alltagsmaterialien und der Umgebung des Raumes arbeitet in ganz anderer Weise Jaana Caspary. Die in Wuppertal geborene Künstlerin studierte von 2005-2015 an der Kunstakademie Düsseldorf und absolvierte Praktika an den Wuppertaler Bühnen, dem Tanztheater Pina Bausch und im Atelier des Bildhauers Tony Cragg. Die Rauminstallation „Kulisse“ entstand erstmals 2014. Über eine Holzkonstruktion ist hier schwarze Teichfolie gelegt, die wiederum in Partien und unterschiedlich dicht mit weißer Farbe begossen oder besprenkelt ist. Die „Kulisse“ verlangt danach, sie zu umgehen, denn bei der Betrachtung und dem eigenen Versinken in einzelne Partien fallen erst die naturalistischen, poetischen aber auch künstlich anmutenden Elemente der Installation auf. So sind mitunter Partien zu finden, die die Anmutung von schneebedecktem Gebirge haben, an dem das schmelzende Wasser aderähnlich herunterzulaufen scheint und sich am Fuße eines Berges in kleinen Seen sammelt. An anderen Stellen ist der Faltenwurf der Folie so gleichmäßig, symmetrisch oder geradlinig, dass man diese Linienführung nicht der Natur zuordnen würde. Neben der Landschaftsassoziation erweckt die „Kulisse“ auch solche einer riesigen Decke oder einer Zeltbehausung. Jaana Caspary selbst eröffnet auch noch eine weitere Imaginationsebene: „das menschliche Knochengerüst besteht aus ungefähr 200 Knochen, welche von zwischen liegendem Material wie Gewebe, Muskeln Adern usw. und von unserer Haut umhüllt ist“. Fest steht, die „Kulisse“ ist nie die gleiche: schon eine Abweichung der Holzkonstruktion, das Fallen der wiederzuverwendenden Folie sowie das Fließen und die Sprenkelung der Farbe als solche fallen immer wieder anders aus und ergeben neue Bilder. Darüber hinaus passt die Künstlerin ihre Rauminstallation, die modular und variabel umgesetzt werden kann, an den jeweiligen Ausstellungsraum an. Höhe und Größe aber auch bauliche Ausstattung des Raumes nehmen Einfluss auf Größe und Gestalt ihrer Arbeit. So korrespondieren hier die höchsten Spitzen mit den beiden weißen Säulen. Casparys „Kulisse“ fußt zum Einen auf ihrer eigenen Faszination für die Natur. Zum Anderen lädt sie den Betrachter ein, seine eigenen Bilder aufzurufen, den Raum zu erkunden und Reales und Irrationales bzw. Kulissenhaftes zu befragen und zu unterscheiden. Mit ihrer roten Plastik „Charaktere“ befragt sie skulpturales bzw. plastisches Arbeiten. Ist der überdimensionierte Sockel Teil des Werkes oder hat er die Funktion es zu Tragen und zu präsentieren? Das „eigentliche, Plastik, besteht aus einzelnen organischen Formen und steht Kopf, die Plinthe ist oben die gestalteten Formen unten. Kann sie auf diesen dünnen „Beinchen“ eigentlich stehen? Hier werden Massivität und Filigranes, Stabilität und Destabiltät gegeneinander gesetzt. Peter Caspary bezeichnet sich selbst als Zeichner und Forscher. Seit Jahrzehnten hat der in Wuppertal geborene Künstler ein großes Interesse an der Natur und an Landschaften, die er wie hier zu sehen auch auf seine Tochter „abgefärbt“ hat. Auf zahlreichen Reisen u.a. nach Finnland, Polen oder Dänemark hat er Landschaften wie einen Schwamm aufgesaugt, seziert, teils in der Erinnerung abgespeichert, teils skizziert oder auch fotografiert. Sechs hier ausgestellte Kohlezeichnungen zeigen, das Caspary mitunter vor Ort, mitunter aus dem Gedächtnis die Landschaftsausschnitte charakterisiert und mit flüchtig erscheinendem Strich einfängt, aber auch die Zeichnungen gelten, wie die Malereien, als eigenständige Arbeiten. Konkrete Orts-oder Regionsbezeichnungen mögen zwar andeuten, dass es sich hier um eine realitätsnahe Wiedergabe der bezeichneten Landschaft handelt, aber das Gegenteil ist der Fall. Caspary, der an verschiedenen Universitäten Illustration und Freie Grafik studierte, schafft keine Abbilder, sondern Landschaftsausschnitte, die mal zeichnerisch, mal informell, mal additiv, mal fragmentiert anmuten. Die hier vorwiegend ausgestellten Dünenlandschaften vermitteln sich erst bei einem gewissen Abstand von den Leinwänden. Bei naher Betrachtung werfen sie mitunter Rätsel und Fragen auf. Was bedeuten die vereinzelt eingetragen geometrischen Linien? Liegen die Kohlestriche über oder unter der Farbe und Spachtelmasse? Wie eigenständig sind die einzelnen Material- und Farbschichten bezogen auf das Motiv? Die menschenleeren Darstellungen von Peter Caspary sind nicht romantisch-schöne Landschaftsbilder, sondern schauen genau hinter diese Oberfläche. Es geht hier um den Prozess als solchen. Den Prozess der Veränderung der Natur einerseits durch zum Beispiel Witterungseinflüsse: Dünen wandern und verändern ständig ihre Form. Und andererseits um Prozess der Veränderung durch den Menschen: Absperren, Vermessen, Zerstören, Verschmutzen und Gestalten. Frank Hinrichs, Andreas My, Jaana Caspary und Peter Caspary zeigen hier unter dem Titel „kontrolliert unerwartet“ gestische Klangräume, aus Fäden gesponnene Raumzeichnungen, den Raum im Raum in Form von Installationen, imaginierte Räume. Was wir hier sehen, sind Prozesse des Gestaltens, des sich Ausdrückens, des Wachsens und Vergehens, des Befragens von Material, von künstlerischen Gattungen und vermeintlichen Realitäten, des Verortens in der Umgebung und in der Welt zwischen Stabilität und Instabilität. Das Kontrollierte mag das Wissen sein, das gekonnte Beherrschen eines Werkzeugs eines Materials, die Reflexion, der Verstand. Das Unerwartete stellt sich ein, wenn das Material nicht tut, was es soll und der Zufall zugelassen wird, also das Bewusst-Kontrollierte, das Wissen ausgeblendet oder überlagert wird. Das Kontrollierte und das Unerwartete sind gleichermaßen notwendige Elemente des Lebens und somit auch der Kunst. Simone Rikeit, Kunsthistorikerin |
III. kunsthalle katt 14. - 28. Oktober 2018 Jaana Caspary | Peter Caspary | Frank Hinrichs | Andreas My Kattwinkelsche Fabrik, Wermelskirchen Begrüßung - Stefan Görnert, 1. Beigeordneter Stadt Wermelskirchen Einführung - Simone Rikeit, Kunsthisztorikerin MA Aufbau & Transport - Nedeljko Komljenovic-Bäumer, Patrick Paul Füllbier, Achim Stollberg Kurator, Presse, Design & Entwürfe - Achim Stollberg |