II. Kunsthalle Katt Vom 22. Oktober 2017 bis zum 05. November 2017 stand die Bogenbinderhalle in der Kattwinkelschen Fabrik Wermelskirchen ganz im Zeichen der Kunst. Die Maler Björn Borgmann und Matthias Günzel (beide Wuppertal) standen dem Stahlbildhauer Karl Menzen (Berlin) und dem Holzbildhauer Take Bijlsma (Wermelskirchen) in freundlicher Konfrontation gegenüber. Simon Rikeit, Kunsthistorikerin aus Dortmund, führte die Besucher der Vernissage an ausgewählten Arbeiten in die Kunst ein. Die Begrüßung erfolgte durch den ersten Beigeordneten der Stadt Wermelskirchen, Herrn Stefan Görnert. "Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich, Sie hier in der Kattwinkelschen Fabrik zur Vernissage der Ausstellung "Freundliche Konfrontation" begrüßen zu dürfen. Mit dem in sich widersprüchlichen Titel aus einem positiv konnotierten Adjektiv und einem negativ konnotierten Substantiv versetzen uns die Künstler Take Bijlsma, Björn Borgmann, Matthias Günzel und Karl Menzen in den nächsten vierzehn Tagen in eine innerliche Spannung, versprechen aber zugleich auch deren Lösung. Und in einer solchen Spannung liegt die Herausforderung der Kunst. Kunst soll nicht ausschließlich gefallen, Kunst, gerade "Bildende Kunst", hat auch den Anspruch, ja geradezu den Auftrag, zur Auseinandersetzung anzuregen, zu konfrontieren, und damit dazu beizutragen, eingefahrene Bahnen zu verlassen, die Beschränkungen des eigenen Denkens zu reflektieren und so zu neuen Sichtweisen zu finden. In einer Zeit, in der trotz wachsender Vielfalt der Möglichkeiten eine zunehmenden Einfalt des Denkens zu beobachten ist, sind solche Konfrontationen nötig, Konfrontationen, die wir zunächst scheuen mögen, die uns aber neue Wege entdecken lassen, neue Wege, die uns helfen, zunächst unüberwindbar Erscheinendes bezwingbar zu machen. Dass heute in der Bogenbinderhalle, einem einstigen Ort industrieller Produktion, Kunstwerke ausgestellt werden, ist für sich genommen schon eine freundliche Konfrontation. Mögen diese Ausstellung und weitere freundliche Konfrontationen dieser Art dazu beitragen, dass, wo einstmals Schuhe produziert wurden, neue Denkpfade beschritten werden. Besonders danke möchte ich Herrn Achim Stollberg, der mit seinem Sensus für Kunst und Künstler diese "Konfrontation" kuratiert, und Frau Simone Rikeit, die uns im Anschluss in das Werk der Künstler einführen wird. In diesem Sinne wünsche ich uns beim Betrachten der Kunstwerke viele anregende freundlichen Konfrontationen, und der Ausstellung die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Herzlichen Dank." Das sagte die Presse: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/wermelskirchen/stadtgespraech/harmonie-und-kontrast-eroeffnen-neue-dimensionen-aid-1.7162709 Die hier gezeigten Bilder sollen Ihnen einen ungefähren Eindruck der Halle vermitteln. Die Sichtachsen, gerade der gestellten Skulpturen, werden auf den Fotos nicht Gänze vermittelt. Im Raum erzeugte die Stellung einen ganz besonderen Eindruck! |
Die Einführung..... Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung „Freundliche Konfrontation“ in der Kattwinkelschen Fabrik, 22.10.2017 Mit der Ausstellung „Freundliche Konfrontation“, die wir heute hier gemeinsam eröffnen, beherbergt die Kattwinkelsche Fabrik bereits zum zweiten Mal im Herbst bildende Kunst. Freundliche Konfrontation, ein Widerspruch in sich? Das Wort „Konfrontation“ stammt aus dem mittellateinischen und bedeutet laut Duden die „Gegenüberstellung nicht übereinstimmender Personen, Meinungen, Sachverhalte“ oder die „Auseinandersetzung zwischen Gegnern“. Als Synonym steht es für Worte wie Gegenüberstellung, Vergleich, Auseinandersetzung, Kampf, Kollision, Konflikt, Streit oder Zusammenstoß. Schauen wir vor diesem Hintergrund also auf das, was uns hier umgibt. Ausgestellt sind Werke von vier Künstlern, die in unterschiedlichen künstlerischen Gattungen und mit verschiedensten Materialien arbeiten. Der 1966 in Wuppertal geborene Björn Borgmann ist Maler. Er absolvierte sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, machte eine Ausbildung zum Lithografen und ist Gründungsmitglied der Künstlergruppe „WERFT“. Borgmanns Gemälde verbinden das Ausloten und das Auflösen des Gegenständlichen bis zu einer gewissen Grenze der Wiedererkennbarkeit oder Erahnbarkeit. Die Bilder beinhalten in einzelnen Fällen narrative Aspekte, die aber keine abgeschlossene Geschichte erzählen. Sie werfen Fragen auf: dies wird hier in der Ausstellung an dem Gemälde „Jump 99“ deutlich. Ein LKW scheint in freiem Flug vor blauem Hintergrund ins assoziierte Wasser zu stürzen. Nur wirkt seine Oberflächenstruktur so, als hätte er schon lange Zeit in eben diesem gelegen. Gleichzeitig sind LKW und die Steinstrukturen in der unteren Hälfte des Bildes in sehr ähnlichen Farbwerten gestaltet und verbinden sich kompositorisch miteinander. Das Bild enthält durch das Zeigen des Sturzes und der Patina des LKWs verschiedene Zeitebenen, Zukunft und Vergangenheit scheinen hier ineinandergeschoben. Im Weiteren zeigt Borgmann hier Auszüge aus zweien seiner Werkblöcke. „Schopi I bis IV“ und Kukas II bis IV“ verweisen auf seine Arbeitsweise des Umkreisens eines Motivs oder Themas aus unterschiedlichen Perspektiven, unterschiedlicher kompositorischer Grundgerüste und verschiedener Grade zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Initialgeber für seine Bilder sind Fotografien oder Motive aus Zeitschriften, die er nicht thematisch sondern aufgrund ihrer ästhetischen und kompositorischen Wirkung auswählt. Die Motive, dies können Figuren, Landschaftsausschnitte, Dinge oder Szenen sein, übersetzt er in eine abstrahierende verzerrte Unschärfe mit expressiver, oft auch dynamischer und farbintensiver Wirkung. Sein Interesse gilt nicht der realitätsnahen Wiedergabe dieser Motive sondern dem Ausloten einer Grenze zwischen dem Erkennbaren und dem Verschwimmenden. Deutlich wird bei näherer Betrachtung der Malprozess an sich. Die Farbe wird in Schichten aufgetragen, der Malprozess als solcher sichtbar. Dieser Zeitfaktor bei der Entstehung der Bilder steht der flüchtig-verzerrten, dynamischen Bildwirkung gegenüber. Die malerische Auflösung der Gegenstände und Figuren verweist ebenfalls auf die Zeit im Sinne einer Flüchtigkeit und Vergänglichkeit. Somit verweisen die Motive und die Bilder als solche auch auf einen metaphysischen Inhalt und können Assoziationen auslösen, die wir alle kennen: Schnelllebigkeit, Parallelität, Flüchtigkeit, Geschwindigkeit und Instabilität. Das Spiel mit der Stabilität und der Instabilität sowie der Statik und der Bewegung findet sich im Werk des Stahlplastikers Karl Menzen. 1950 im rheinland-pfälzischen Heppingen geboren, studierte Werkstoffwissenschaften an der Technischen Universität Berlin. Ebenso absolvierte er eine Ausbildung bei dem Bildhauer Volkmar Haase. Seine Plastiken erscheinen reduziert, still, klar, konkret, konstruktivistisch und zeichenhaft. Mal aus einem Guss, mal aus verschiedenen Teilen zusammengefügt, mal in strenger geometrischer Form und mal als bewegte Geste zeigt sich hier ein Auslosten des Materials Stahl, das wir als statisches zuweilen schweres und raues, womöglich unästhetisches Industrie-Material auffassen und empfinden. Doch werden wir hier eines Besseren belehrt. So beispielsweise bei der uns weit überragenden Plastik „Lineament tanzend I“. Ausgangspunkt hierfür war eine fast flüchtig erscheinende Zeichnung. Die gegeneinander- oder zusammen- gesetzten, leicht gebogenen Formen bzw. Linien wirken leicht und mitunter schwebend, ja tänzelnd. Es ist ein Spiel zwischen Tragen und Lasten, zwischen Statik und Bewegung, das dem Betrachter vor Augen geführt wird. Dabei ist die entstandene Geste keineswegs ob ihrer klaren Konturen und Abschlüsse als geschlossene Figuration zu sehen. Die einzelnen ausladenden oder richtungsweisenden Elemente können mit unseren Augen weitergesehen werden, fortführbar, unendlich, weshalb hier von einer Verlaufsfigur gesprochen werden kann. Etwas geschlossener und statischer wirken hingegen die beiden Plastiken „Turm III“ und „Turm IV“, die zunächst durch ein Erproben mit Pappe/Papier und Schere entstanden sind. Durch heraus gebogene Ausschnitte werden die gegeneinandergestellten einzelnen Stahlflächen zusammengehalten. Daraus ergibt sich ein offenes Spiel zwischen den Raumvolumina und den raumzeichnenden Eigenschaften der Plastiken und dem sie jeweils umgebenden Raum als solchem. Der Umgebungsraum wird wie im Falle der Verlaufsfiguren auch hier Teil der Plastik selbst. Dafür ist auch ihre Mehransichtigkeit ausschlaggebend. Den Plastiken von Karl Menzen wohnt neben ihren stillen und ruhigen Erscheinungen und Ausdrücken eine gewisse Bewegtheit inne. Es ist ein Ausloten der Eigenschaften des Materials selbst, das uns Karl Menzen hier in verschiedensten Formen vor Augen führt. Dem industriell gefertigten Material Stahl, stehen die Holzskulpturen des niederländischen Bildhauers Take Bijlsma gegenüber. 1970 in Den Haag geboren, machte er zunächst eine Ausbildung in der Künstlerwerkstatt von Hanz Daniel. Später führte er seine künstlerische Ausbildung in der Kunstschule im irischen Tipperary fort. Schon die Wahl des natürlichen Materials Holz führt Bijlsma zu einem anderen Arbeiten als Menzen. Bedeutet das plastische Arbeiten das additive Zusammenfügen einzelner Elemente, also ein Hinzufügen von Material, so ist es mitunter bei Menzen zu sehen, beinhaltet das skulpturale Arbeiten von Bijlsma, das Wegnehmen oder Subtrahieren von Material. Das Reduzieren und Formen des Materials führt zu abstrahiert gegenständlichen und abstrakt amorphen Holzskulpturen, wie sie uns hier begegnen.In ihrer Gestalt spiegeln sich die Eigenschaften des Materials selbst aber auch die Elemente Wasser, Feuer und Luft wieder. So zum Beispiel bei der Arbeit „Ikarus“, einer Skulptur mit flügelähnlichen Elementen, die durch das Aufbrechen des Holzblockes und der hölzernen Struktur entstanden sind, luftdurchlässig und fragil. Bei näherem Hinsehen erschließt sich, dass die partielle Schwärzung der Skulptur durch Ruß bzw. Feuer entstanden ist und eine lebendige Zeichnung hervorbringt, eben als sei ganz assoziativ gesprochen, Ikarus gerade zu nahe an die heiße Sonne gekommen. Im mehrfacher Hinsicht aufs Wasser bezieht sich der „Eifgentropfen“. Das Holz lag im Wasser des in Wermelskirchen entspringenden Eifgenbaches und erhielt so seine Färbung. Die aufstrebende nach oben hin sich verjüngende Figuration wird durch verschiedenen tropfen- ähnliche Formen durchbrochen. Ein mehrfacher Verweis auf das Element Wasser. Diese beiden Arbeiten zeigen bereits auf, dass Bijlsma seine Impulse aus verschiedenen Anlässen erhält. Dieser kann vom Holz selbst ausgehen, aber auch von der Umgebung, in der es gefunden wurde. Aus dem Fluss und der Fülle des Lebens, der Poesie und der Fiktion schöpft der Maler Matthias Günzel. Der 1964 in Remscheid geborene Künstler machte zunächst eine Ausbildung zum Schildermacher und absolvierte ab 1989 ein Studium an der Staatlichen Akademie der Künste in Stuttgart. Günzel arbeitet auf und mit der Fläche, auf Papier, Karton, PVC und diversen anderen Materialien. Wie Björn Borgmann zeigt auch Günzel sowohl mehrteilige Arbeiten, wie die „Windmühlen“, wie aber auch Einzelwerke, wie der „Schuhverkäufer“ oder die „Bedrohliche Aufstellung II“. Anlässe für die Bilder und Themen finden sich beispielsweise im Auffinden von Puzzlen, oder Fotos oder aber auch durch fiktive Geschichten oder Figuren. „Bedrohliche Aufstellung II“, eines der PVC-Bilder von Günzel, ist so, wie es sich jetzt zeigt, auch der Auseinandersetzung mit den Unwägbarkeiten und Unplanbarkeiten des Materials geschuldet. Diese letztlich gut ausgegangene Arbeit zeigt neben den düster erscheinenden figurativen Elementen Soldat, japanischer Soldat und kleines Pferd letztlich dieses Finden und Kompromisse schließen mit den Eigenschaften des Materials. Auch der „Schuhverkäufer“ zeigt eine enorme Unterschiedlichkeit an Assoziationen und Gestaltungsmöglichkeiten. Motive wie Schuhkartons, Schuhe, Körperteile von nicht immer menschlichen Wesen, werden mal abstrakt-additiv, mal gegenstandsnah, mal surreal vor zum Teil informell erscheinende Flächen gesetzt. Die Bilder von Matthias Günzel sind Bildbühnen mit abgestecktem Rahmen und Erzählfragmenten unterschiedlichster Couleur. So findet sich in den Bildern Fiktives und Alltägliches, Abstraktes und Gegenstandnahes-Figuratives, Informelles und Surreales. Die Ausstellung bietet verschiedene Ebenen der „Freundlichen Konfrontation“ an. Es sind die wahrscheinlich nicht immer freundlichen Konfrontationen der hier vertretenen Künstler mit sich selbst, mit der künstlerischen Idee, mit dem Material oder mit den technischen Gegebenheiten. Es sind die Konfrontationen zwischen den hier gezeigten Werken, und damit meine ich nicht ausschließlich unterhalb der Gattungen Malerei und Skulptur/Plastik. Und, es sind die freundlichen Konfrontationen zwischen uns, den Betrachterinnen und Betrachtern, und den ausgestellten Werken und somit letztlich auch immer mit uns selbst. Simone Rikeit, Kunsthistorikerin M.A. |